Eine weitere Hilfswissenschaft der Fiskal- Philatelie:
Die Mundart

Des is a ganza a Gwappeda

"Wenn der Viechhandler Maier kimmt, muasst fei recht Obacht gem, des is a ganza a Gwappeda." 
Dieses Wort hört man heuer kaum mehr, weil „Gwàpped" ist
die mittelbairische Aussprache von „gwàpplt, gewàppelt". Dieses Eigenschaftswort bezieht sich immer auf Personen, und zwar entweder in der Bedeutung ‚privilegiert, zu den Besseren gehörend‘ oder ‚schlagfertig,wortgewandt, raffiniert, durchtrieben, mit allen Wassern gewaschen‘.

Letzteres trifft genau zu auf den Viehhändler zu. In der erstgenannten Bedeutung verwendet Wolfgang Johannes Bekh das Wort in seinem Roman „Apollonius Guglweid", wo die Rede ist von „einigen vornehmen, gewappelten Stadtfracken". Leicht erkennbar ist, dass „Wappen" in dem Wort steckt.

Ehedem bezeichnete man die Angehörigen von Familien mit einem eigenen Wappen, also Adelige, als „Gewappelte". Wer ein überlegenes Gebaren an den Tag legte, wie es die Art der reichen Grundbesitzer und mächtigen Lehnsherren war, den charakterisierte man als „gwàppelt".


Sie hod nia gwapplt

Das Verb „wàppeln" oder „wàpperln" war lange Zeit geläufig für ‚Wertmarken für die Rentenversicherung sammeln und einkleben‘. Weil es diese Praxis nicht mehr gibt, gerät auch das Wort in Vergessenheit. In den 1950er, 60er Jahren konnte man hören: 
„Rentn griagts koane. Sie hod ja nia gwapped."
Solche Klebemarken, auch Steuer-, Stempel- oder sonstige Wertmarken,
gelegentlich auch Briefmarken, hat man als „Wàpperl" bezeichnet, insbesondere aber das Pfändungssiegel, das der Gerichtsvollzieher auf
Möbelstücke heftet, den sogenannten „Kuckuck". Ein armer Schlucker berichtet: Der Gerichtsvollzieher hat „alle Augenblick seine Wapperl  umeinandergepappt in meiner nötigen Herberg" (Schrönghamer-Heimdal).

Für die Vignette, welche die Entrichtung der Mautgebühr auf österreichischen Autobahnen nachweist, hat sich das Wort „Pickerl" etabliert. Denkbar gewesen wären auch die Bezeichnungen „Wàpperl" oder „Pàpperl".

Das „Pickerl" heißt so, weil man es auf die Windschutzscheibe „picken" muss. Der Dialekt kennt weder „kleben" noch „klebrig". Dafür gibt es die Verben „picken (bicka)" und „pappen (bappm)" und die Eigenschaftswörter „pickert (bickad), pappig, pappert (bappad)". Anfänglich verstand man unter „Papp" den aus Mehl angerührten Kleister, mit dem man saugfähige Materialien zusammengeklebt oder Fugen „verkleibt (va-gloabt)" hat. Weil sie die Öffnung ihrer Bruthöhle mit Lehm zu „kleiben (gloam)" pflegt und sie auf diese Weise verengt, kam die Spechtmeise zum Namen „Kleiber". Statt ‚Klebstoff, Kleber‘ sagt man meist „Papp (Bapp)": 
„Geh, glang mir an Uhu-Bapp umma!" 
Für die
Buchdeckel verwendete der Buchbinder zusammengeleimte Papierschichten. So erklärt sich das Wort „Pappendeckel". Die Kürzungen „Pappdeckel" und „(die) Pappe" fügen sich nicht in den Dialekt ein; wir gebrauchen grundsätzlich die Langform „Bappadeckl", und „(die) Dachpappe" ist bei uns „(der) Dachpapp". 


Sie haben viel Pech gehabt

Mit „picken" liegt eine lautliche Variante zu „pichen" vor. Bereits im hohen Mittelalter kannte man „pichen" (bestreichen oder ausstreichen mit Pech, Harz), und in bestimmten Gegenden gebraucht man diese Form noch heute anstelle von ‚kleben‘: „Da ist dann die Montur bereits angefroren gewesen und hat gepicht an der Haut" (Werner Fritsch). Die Lautung mich „ch" verweist darauf, dass sich das Verb von „Pech (Beech)" im Sinne von ‚Baumharz‘ herleitet. Im Bayerischen Wald gab es früher die „Pechler". Um Harz zu gewinnen, schnitten sie Wunden in die Stämme von Fichten, Tannen und Föhren; das war natürlich strafbar. Auf den Vogelfang mit Leimruten, die mit Pech bestrichen waren, geht wohl der Ausdruck „Pechvogel" zurück, und davon kommt „Pech" in der Bedeutung ‚Missgeschick, Unglück‘: 
„De ham vui Beech
ghabt im Lem".



Er hat einen Pecker vom Krieg her

· Alles, was „pickt", eine klebrige Masse, ein schmieriger Rückstand, heißt mundartlich „Pick", ausgesprochen „Biig". Seine arg strapazierte alte Lederbundhose bezeichnete ein Gewährsmann als seine „Bickane" und erklärte, sie heiße so, weil sie über und über „pickt". Diese Etymologie trifft freilich nicht zu. Hinter „Bickane" verbirgt sich „Bückerne": Die Hose ist aus „bückenem" Leder gefertigt, also aus Bocksleder. Wohl weil „picken" im Sinn von ‚kleben‘ gebraucht wird, nennt man das, was die Vögel mit dem Schnabel tun, „pecken (becka, bäcka)". Eine volkstümlich-abergläubische Vorstellung überliefert Georg Queri: „Der Hirnpecker ist ein sehr gefährlicher Vogel. Wenn er einen Menschen wo sieht im Freien, dann saust er herab und peckt so lang auf die Stirn, bis das Gehirn herausgeht."

Ein Brauch in der Osterzeit ist das „Eier-Pecken": Eier werden gegeneinander gestoßen, bis die Schale des einen bricht. (Andere Bezeichnungen dafür sind „andotzen, depfen", in Norddeutschland heißt es „andetschen, Eier detschen gehn".) Man versteht die Herkunft des Ausdrucks „auf einen pecken", womit gemeint ist: ‚auf jemandem herumhacken, mit bösartigen Bemerkungen sticheln, fortgesetzt kritisierend angreifen‘. Es mag sein, dass daher die Dialektwörter „(der) Pecker, Peckerer, Peckl" kommen, die für ‚Fehler, Makel, Gebrechen, psychischer oder physischer Defekt‘ stehen. Auch ein Zusammenhang mit dem lateinisch-italienischen Wortstamm „pecca-" (Sünde, Schaden) kann erwogen werden. 
„Er soll eh nicht nass werden, wo er doch das
Rheumatische hat und einen einwendigen Pecker vom Krieg her".

Warum hat man die erste Briefmarke in Bayern, die mit nem Kleiekleber versehen war, nicht „Wapperl, Papperl oder Pickerl" genannt?


        

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