QUO VADIS PHILATELIA ?

 

Unter dieser Überschrift verfaßte Martin Erler, der große Nestor der Stempelpapierforschung, bereits 1995 die nachfolgenden Betrachtungen, die bis zum heutigen Tage nichts an ihrer Aktualität und Aussagekraft verloren haben.

Sie seien deshalb vollständig wiedergegeben (zuerst veröffentlicht im  ARGE Rundbrief II/1995)

 

Am Anfang war die Freude. Ganz einfach die Freude an den kleinen, bunten Papierchen, die mit der Post oder auf den Dokumenten kamen. Möglichst von weit her, aus exotischen Ländern brachten sie ihre eigene Botschaft in das heimische Wohnzimmer. Es war ein kleiner Blick in die weite Welt, die einem damit nahe kam.

Dazu war solches Sammeln nicht raumaufwendig und auch (noch) nicht kostspielig. Es gab keine Spekulanten, denn damals wurde bestenfalls nach ein paar Pfennigen gerechnet (ich habe etliche alte Auswahlblätter der Gebr.Senf aus der Zeit vor 1914 vor mir, es waren selbst zu dieser Zeit mit wenigen Ausnahmen nur Pfennige!).

Am Anfang ging es ganz friedlich, ohne großen Neid, ohne Wettbewerb, ganz einfach nur um die Freude. Man machte sich Gedanken wie man dies neue Hobby nennen sollte - Timbrophilie meinten einige. Das umfaßte alle Marken, Briefmarken, Stempelmarken, Wohlfahrtsmarken usw.

Dann fand ein findiger Kopf ein neues Wort: Philatelie! Es war aus dem Griechischen Phil-a-telos abgeleitet und besagt 

"Freund von dem, was von Gebühren (oder Steuern) frei macht. 

Damit war gleich auch eine Abgrenzung errichtet: Das traf nur für postalische und sonstige fiskalische Ausgaben zu. Wohltätigkeits-Spenden­marken oder Reklamemarken waren damit "out".

Bald gab es auch Händler für diese Marken, denn der Kreis der Sammler wuchs schnell. Händler sind sicherlich gerechtfertigt, denn sie sind ja bestrebt dies Hobby zu fördern.

Das bedingte dann auch die ersten Preislisten, denen bald die ersten Kataloge folgten. Wenn wir uns die ersten Ausgaben, wie z.B. den Moens ansehen, so finden wir Briefmarken und Fiskalmarken nebeneinander und zu gemäßigten Preisen.

Aber dann kamen die Perfektionisten. Zwangsläufig mußte ja mal jemand die Idee haben, daß er besser sein müsse als sein Sammlerfreund. Also mußte die Sammlung schöner, besser, vollständiger usw. sein. Damit fing der Wettbewerb an - mit allen Eitelkeiten und Querelen.

An sich ist gegen einen Wettbewerb nichts einzuwenden. Das Besser-Sein-Wollen ist seit jeher ein Trieb des Menschen. Etwas "vollkommen" machen ist auch legitim. Ich gebe zu, ich bin in mancher Beziehung auch ein wenig Perfektionist. Aber wenn die Sammler im Wettbewerb zu Sophisten werden, dann wird es ungemütlich. Wenn ich als Preisrichter in einer Ausstellung bei einem Exponat vornehmlich mit Plattenkratzern und "Fliegenschissen" befasst werde, dann ist mir nicht recht wohl zu Mute.

Wir laufen Gefahr uns in wirklich unbedeutenden Zufälligkeiten zu verlieren, anstatt neue Wege zu finden. Es ist an der Grenze der Zumutbarkeit, wenn nur mit dem Fadenzähler erkennbare kleine Abweichungen oder Druckmängel, als "wichtige Abart" auf hunderte von DM hochgejubelt werden, und man dem Sammler weismachen will, daß solche Stücke unbedingt in einem Exponat vertreten sein müssen.

Die Entwicklung der letzten Jahre zeigt auch, daß immer mehr Mache den Sammlern aufgeschwatzt wird. Das Sammeln sollte sich nach echten Bedarfsstücken richten. Die Postverwaltungen muten uns ohnehin schon genug in dieser Richtung zu!

Dies führt zu einer weiteren Kategorie von Philatelisten: Zu denen, die selbst keine ernsthaften Sammler sind und nur ein Geschäft auf Kosten der Philatelisten machen wollen.

Das sind einmal die Spekulanten, die oft den ehrlichen Sammlern das Material wegschnappen, um es ihnen dann teurer anzudrehen. Die künstlich die Preise hochjubeln, um ihre eigenen Taschen zu füllen.

Wir können das leider nicht verhindern, aber freuen können wir uns nicht über solche Praktiken, die der Philatelie nur schaden.

Da ist aber noch eine zweite Gruppe von Geschäftemachern. Das sind die Postverwaltungen. Als das Briefmarkensammeln populär wurde witterte man bei den Postverwaltungen sehr bald das Geschäft, das man mit den Sammlern ankurbeln konnte. Es wurden über den Bedarf hinaus Sonderausgaben, Gedenkblätter udgl. kreiert - und die Perfektionisten kauften diese, denn man wollte ja "vollständig" bleiben. Anfangs hielt sich das in vernünftigen Grenzen, auch wenn postalisch für solche Ausgaben keinerlei Notwendigkeit bestand. Da für die Post das Geschäft gut lief, zog man die Schraube an. Die Zahl der Ausgaben wurde gesteigert, Zuschlagmarken wurden erfunden. Es kamen überteuerte Blocks dazu, und heute ist der neueste Gag den Sammlern für alle Werte Zehnerblocks mit Zierrändern aufzubinden.

Es wird zwar von "Kulturellem Bedarf" udgl. gefaselt, aber ist es nicht kulturell zweifelhaft, wenn das Bild einer berühmten Persönlichkeit mit einem fetten schwarzen Stempel überdeckt wird? Man hat dagegen erwidert, daß der Sammler deshalb ungebrauchte Marken sammeln solle. Wenn eine Marke nicht für den Gebrauch vorgesehen ist, dann hat sie postalisch keine Existenzberechtigung, das ist dann nur noch ein plumpes Geschäft auf Kosten der Sammler.

Es gibt noch einen Einwand: Die Briefmarken stellen einen beständigen, ja wachsenden Wert dar. Wenn man die neueren Ausgaben etlicher Länder genauer prüft (ich will hier keine Namen nennen, aber wir brauchen gar nicht weit zu schweifen), dann stellt sich heraus, daß sie heute großenteils weniger wert sind, als am Ausgabetag, und daß genau genommen die gutgläubigen Sammler geprellt worden sind.

 

Die Entwicklung der Preise:

In Deutschland hatten wir eine fast stetige Entwicklung der Preise, zumindest wenn man die Kataloge vergleicht. Aber hier wird eine Illusion vorangetrieben, die eines Tages zu einem bösen Erwachen führen kann. Während die Preise zum Teil künstlich hochgehalten werden, kann man schon ganze Jahresausgaben unter Nennwert erstehen. Wer sich moderne thematische Sammlungen angelegt hat, wie Olympia, Hunde und Katzen, udgl. erlebt eine schlimme Überraschung, wenn er diese über eine Auktion veräußern will.

In einigen Ländern, wie in den USA, hat es in den letzten Jahren merkliche Preiseinbrüche gegeben selbst für klassisches Material!

 

Wie geht das weiter?

Im Grunde bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Steigt die Zahl der Sammler, so wird auch die Nachfrage und damit der Preis steigen. In dieser Rechnung sind aber einige Unbekannte! Wo steigt die Zahl der Sammler, in welcher Richtung wird gesammelt, inwieweit ist vieles nur oberflächliches, temporäres Interesse?

Zweifellos steigt die Zahl der Sammler in den asiatischen Ländern. Sofern nicht Rückschläge im Lebensstandard eintreten, wird dort auch die Nachfrage steigen. Aber wonach? Es bürgert sich immer mehr ein vornehmlich das eigene Land zu sammeln. So wird z.B. der Bedarf für Marken von Japan, China, Thailand etc. steigen, aber wohl kaum für Bundesrepublik Deutschland!

In Europa sieht es nicht so gut aus. Schauen wir einmal auf die vergangenen 4 Jahrzehnte zurück: In den 50er und 60er Jahren hatten wir einen Boom für die Briefmarken. Sie waren "in" wie nie zuvor. Man sprach viel von der Aktie des kleinen Mannes und die Preisentwicklung gab dem damals Recht. Die Zahl der Sammler wuchs damals wie eine Lawine. Auch sonst Uninteressierte stiegen ein, denn da war offensichtlich etwas zu holen. Ab etwa 1970 flaute dieser Boom ab. Ein großer Teil der Jugendlichen, die in den Nachkriegsjahren dem philatelistischen Hobby zugetan war, hat heute andere Interessen. Nicht selten hört man: Ich bin doch nicht verrückt ein paar Hundert Mark für die Neuheiten der Deutschen Bundespost jedes Jahr auszugeben, wenn ich später weniger dafür bekomme, und für die alten Marken müßte ich Millionär sein!

Heute kommen weniger ernsthafte neue Sammler zur Philatelie, als alte wegsterben! Die gegenwärtige Entwicklung, besonders für den Verkauf von höherwertigem oder ausgefallenem Material, speziell bei Auktionen, scheint dem zu widersprechen. Der Grund für die gegenwärtig noch anhaltende Stabilität liegt anders. Die Sammler von der Boomwelle von 1950-1970 kamen und kommen nach und nach in den Ruhestand und haben eine gewisse Sicherheit und Zeit, um sich mehr ihren Sammlungen zu widmen. Dadurch entstand, bzw. entsteht, vorübergehend eine erhöhte Nachfrage. Diese Boomwelle wird in einigen Jahren verebben, und die Nachfrage wird einem erhöhten Angebot weichen.

Bei uns in Deutschland wirkt noch ein zweites Moment mit. Vor der Wiedervereinigung wurde das Sammeln von Briefmarken in der DDR staatlich gefördert. Heute ist dort die Zahl der registrierten Sammler auf einen Bruchteil gesunken! Noch werden wohl die meisten Sammlungen vielleicht aus Nostalgie aufbewahrt, aber oft nicht weitergeführt. Der Grund liegt nicht nur im veränderten Interesse - man hatte ja viel nachzuholen - sondern auch im Rückgang der geregelten Einkommen (Arbeitslosigkeit u.a.), was auch anderwärts vorkommen mag.

In Westdeutschland bestand vorübergehend Nachfrage nach den DDR-Marken und die Preise stiegen. Auch dieser kleine Boom ist vorbei. Es ist vorauszusehen, daß bald auch die zurückgelegten Sammlungen auf den Markt drängen, wenn Geld gebraucht wird, und dann wendet sich das Blatt!

Ähnliches trifft nicht nur auf Deutschland zu. Wir haben in einigen Nachbarländern ähnliche Entwicklungen.

Eines der wenigen Gebiete, die von solchen Entwicklungen verschont blieben, ist das Gebiet der nichtpostalischen Fiskalmarken (die Briefmarken sind ja im Grunde auch Fiskalmarken!). Mit ganz wenigen Ausnahmen gibt es dort auch keine Sonder­ oder Jubiläumsmarken.

Es ist alles auf wirklichen Bedarf abgestimmt und es gibt auch fast keine Fälschungen zum Schaden der Sammler, die bei den Briefmarken in erschreckender Weise überhand genommen haben.

Die Zahl der Sammler ist klein, aber stabil, und in einigen Ländern sogar steigend. Das wird von den Apparatschicks als Quatite Negligeable angesehen und man behandelt uns auch entsprechend.

Gerade auf dem Gebiet der Fiskalmarken zeigen sich neue Wege für den Sammler. Hier besteht noch kein Bedarf für alle möglichen Sophismen, die in der postalischen Philatelie wuchern. Das Gebiet der Fiskalphilatelie birgt sogar mehr Möglichkeiten, nur ist deren Verwirklichung nicht so einfach, wie bei den Briefmarken.

Während bei den Briefmarken eine weitgehende Aufgliederung vorgenommen wurde, (traditionell, Luftpost, thematisch usw.), ist im Bereich der Fiskalmarken noch alles in einem. Es darf aber nicht übersehen werden, daß auch in der Fiskalphilatelie Varianten möglich sind und zum Teil auch schon verwirklicht wurden. Dabei sei gleich bemerkt, daß von der FIP Überschneidungen mit Briefmarken nicht erwünscht sind, obwohl es z.B. in den USA schon eine Reihe guter thematischer Sammlungen mit solchen Überschneidungen gibt (z.B. Bier und Wein - Thematik).

Man kann allerdings nicht die verschiedenen Kategorien bei den Briefmarken ohne weiteres auf die Fiskalmarken übertragen. Die Fiskalphilatelie ist nun mal in etlicher Beziehung anders.

Am bekanntesten sind die normalen Ländersammlungen, die im Vergleich der traditionellen postalischen Philatelie am nächsten kommen. Daneben sollte man auch andere Formen in Betracht ziehen. Warum sollte man nicht mit den Fiskalmarken ein historisches Thema bearbeiten. Das heißt eine historische Begebenheit, oder einen ganzen geschichtlichen Ablauf mit Stempelpapieren und Stempelmarken belegen, ohne daß hierbei auf eine Vollständigkeit aller Ausgaben Wert gelegt werden muß?

Eine Kategoriebezogene Fiskalsammlung könnte andererseits z.B. ein bestimmtes Steuer- oder Abgabengebiet (z.B. Wechselsteuer, Einkommensteuer udgl.) in verschiedenen Ländern vergleichen, was übrigens gemäß den Bestimmungen der FIP nur im Bereich der Fiskalmarken möglich ist, wenn man ausstellen will.

Fiskalsammlungen können auf politische Geschichte, Kulturgeschichte, Sozialgeschichte, usw. begrenzt werden. Im Gegensatz zu den "Erinnerungsmarken" bei den Briefmarken, ist das Fiskalmaterial immer zeitnah!

Ich will nicht nur problematische Prognosen stellen. Es gibt sicher auch genau so viele positive Aspekte. Es wird lediglich nötig sich richtig zu orientieren.

Die Philatelie ist weit gefächert. Einige Gebiete haben an Attraktivität verloren, oder werden sie verlieren, ungeachtet mancher Weissagungen. Die Tendenz geht vom allgemein üblichen Sammeln weg, hin zum Besonderen. Es ist nicht ratsam andere nur zu kopieren und zu versuchen, besser zu sein, denn das wird meist nur teuer!

Meine Erfahrung hat mich gelehrt genau das zu tun, was die anderen bisher nicht, oder nur selten, getan haben. Das hat mich auch bewogen Fiskalmarken zu sammeln, auch wenn mich daraufhin alte Freunde mit etwas fragendem Blick betrachteten, ob ich denn noch ganz normal sei.

Wir müssen ganz einfach Realisten sein und neben der Freude am Sammeln schlicht auf dem Boden bleiben. Es darf dies alles nicht zum Stress, zu Neid, oder zu finanziellem Hazardspiel führen

Bis jetzt haben wir unseren Kreis ausgewählt klein und die Preise vernünftig halten können. Wir wollten uns ja nicht selbst "hinausbieten".

Wichtig erscheint, daß wir unserem Hobby sinnvolle Zusammenhänge zuordnen. Es sollte nicht einfach das Ziel sein die Marken von Katalog Nr.1 bis Ende zu haben und zu zeigen, sondern wir sollten daraus bedeutsame geschichtliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenhänge sehen und darstellen.

Philatelie sollte nicht im Wertdenken gipfeln, sondern in der Freude Erinnerungen zu pflegen und Einsichten zu vermitteln. Ich war sehr dankbar, als Präsident Jatia mir in Granada bei der Bewertung von Exponaten erklärte:

 

We dont want to see Dollars, we want to see Philately!

Es war ein mutiger und richtungweisender Spruch!

 

Der Reiz des Sammelns liegt nicht im allgemein Üblichen, sondern im Besonderen. Er liegt im Grunde im glücklichen Finden und nicht im protzigen Geldausgeben. Genau das ist dominant auch heute noch der Fall, der für die Fiskalphilatelie zutrifft. 

Es bleibt nur das persönliche Suchen und Finden, aber das ist ja der besondere Reiz.

Für uns sieht die Zukunft nicht düster aus. Wir werden wohl im Verhältnis nur wenige sein, aber an unserem Hobby Freude haben.

 

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