Postkutschenbillet des Oberpostamtes Basel von 1837

 

Fachartikel von Wolfgang Morscheck, Bad Säckingen, DE

 

Passagierbillet Vorderseite
   
  
Zuordnung Passagier- Billet 
Dieses Passagier- Billet war ein Postformular - vom Ober- Postamt- Basel  ausgestellt - und gültig für die Abreise am 1.November 1837 nach Champery. Es hatte zwei Funktionen:
1.    Für den Reisenden wurde der Platz 7 im Postwagen reserviert. Dieses Billet bekam der Reisende gegen Bezahlung der Postwagengebühr ausgestellt. Die Berechnung der Tarife sind nicht bekannt.
2.    In der Schweiz gab es zu dieser Zeit das Wegegeld. Das Wegegeld war auch eine indirekte Steuer, die hier durch den Canton Basel erhoben wurde. 
Durch die Verwendung des Billetes mit einem extra abgeschlagenen 5 Rappen Wertstempel wurde die Stempelsteuer kassiert und  der Kasse des Canton Basel zugeführt. Der Reisende hatte dieses zu bezahlen aber auch das Chaussee-, Pflaster- , Wege- und Brückengeld.
   
   
Wertstempel und Kontrollstempel des  Passagier- Billets
Die vorgedruckten und unbenutzten Billets wurden im voraus  vom Stempelamt des Canton Basel mit dem Wertstempel und dem Trocken- Kontrollstempel versehen.
Das Billet war damit eine fiskalische Ganzsache.
Für mich stellt dieser Beleg ein Quittungs- Stempelpapier dar,  also ein gestempeltes Papier;
und Quittungen waren stempelpflichtig, genauso wie Fuhrbriefe von Waren.
Ob die Bezahlung des Wertes vom abgeschlagenen Wertstempel und die Bearbeitungsgebühr sofort oder per Verrechnung mit dem Ober- Postamt- Basel vorgenommen wurde, ist nicht bekannt.
Aber auch naheliegende Vermutungen bleiben solange Spekulation, bis durch intensives Aktenstudium die Wahrheit endlich ans Licht dringt: Schweizer Fiskal- Sammlern sind bereits der Sache auf der Spur!
   
Kontrollstempel mit Baslerstab farblos geprägt
Inschrift: CANTON BASEL

Das Wappen der Stadt Basel sowie des Halbkantons Basel-Stadt ist ein nach links (heraldisch: rechts) gerichteter schwarzer Krummstab, Baselstab genannt
          
  Wertstempel CANTON BASEL
      über 5 Rappen
   
   
Unterscheidung von Stempelpapier und Wegegeld
   
Stempelpapier:
Die Stempelpapiere mit ihren verschiedenen Wertstempeln dienten der Erhebung von "staatlichen" Gebühren/Taxen der im Stempelgesetz definierten Verwendungen, also auch von auszustellenden Quittungen.
Mit der Verwendung des vom Stempelamt mit dem entsprechenden Wertstempel versehenen Stempelpapieres wurde die Stempelsteuer kassiert und der Staatskasse des jeweiligen Cantons zugeführt.
  
So regelt zum Beispiel das Stempelgesetz des Kanton Bern vom 20 März 1834, das mir hier vorliegt, die Verwendung der Stempelpapiere - im Auszug - wie folgt:
  
  
   
  
im folgenden werden Fuhrbriefe von Waren genannt:
   
   
Wegegeld:
Das Wegegeld wurde in früherer Zeit auch Ruttergeld genannt.
Dieses diente dazu, die Straßen und Brücken zu unterhalten, sie vom Schnee zu befreien und somit, wie hier, für die Postkutschen befahrbar zu machen (besonders die Alpen- Pässe).
Im Passagierbillet des Ober-Postamtes Basel ist in der Zeile „für Scheingebühr und Stempeltaxe“ kein Betrag eingetragen.
Die Verordnungen, wann und warum diese Scheingebühr und Stempeltaxe erhoben wurden, liegen bisher nicht vor.
Auch im vorliegenden Stempelgesetz des Kanton Bern vom 20. März 1834 ist diese Verwendungsart nicht extra aufgeführt.
Dies läßt den Schluß zu, dass dieses Postformular im Zusammenhang mit den Tarifen des Wegegeldes zu werten ist.
   
Rückseite des Passagier-Billets
"Bemerkungen
 
Jeder Reisende hat für sein Gepäck selbst zu sorgen, und besonders bei Umladung der Wagen darauf Acht zu haben, auch werden die Reisenden ersucht, solches wenigstens 1/2 Stunde vor Abgang des Wagens auf das Bureau zu senden, 30 Pfund davon gehen frei, das Übrige wird nach dem Tarif bezahlt. Statt Passagier- Gepäck Waaren oder Gelder mitzunehmen ist nicht erlaubt. Reisende, die nicht pünktlich sich einfinden oder unterwegs vom Wagen sich entfernen, haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn sie die Abfahrt versäumen. In der Passagier- Taxe ist Trinkgeld für den Postillon inbegriffen und gegen den Condukteur ist der Reisende zu keinem solchen verpflichtet. Ohne Einwilligung sämtlicher Reisenden darf im Wagen nicht Taback geraucht werden, auch ist es nicht erlaubt, Hunde darin mitzuführen. Dem Condukteur liegt ob, jeder rechtmäßigen Beschwerde der Reisenden Abhilfe zu verschaffen, auch sind diese eingeladen, etwaige Klagen gegen den Condukteur oder sonstige Postbedienstete gehörigen Orts anzubringen".
   
Diese Bemerkungen auf der Rückseite des Passagierbillets präzisieren unter anderem, dass eine "Taxe für Übergewicht" - gemäss Vorderseite -  sich natürlich nicht auf das Gewicht des Passagiers, sondern auf dessen Gepäck bezieht.
   
    

Zusammenfassung:

Man sollte die postalischen Aufgaben und die Kassierung der Steuer sowie Formulare nicht immer getrennt betrachten. 
Dieses Passagier- Billet ist ein gutes Beispiel dafür, daß beide Aufgaben gemeinsam von der Post durchgeführt wurden.
Das Dokument steht zwischen den Bereichen der Fiskal- Philatelie und der Post- Philatelie, man kann sagen, es ist ein Borderline-Dokument.
Dieses Passiergier- Billet fordert uns geradezu dazu auf, uns die passenden  Verordnungen vom Canton Basel herauszusuchen und zu versuchen, die Zusammenhänge eindeutig zu klären.
Bis zum Beweis des Gegenteils bleibt für mich dieses Billett ganz klar ein Stempelpapier, ohne wenn und aber!
Deshalb gilt: Es gibt noch Vieles zu erforschen -  in beiden philatelistischen  Sammelgebieten - , 
also packen wir es an!


 

Gez.: Wolfgang Morscheck

 

  

 

PS: Dieser Beleg stammt - wie so oft - aus dem unerschöpflichen Fiskal- Philatelie- Fundus von Gunter Wagner, Filderstadt!



        

www.stempelpapier.de