Die älteste bayerische Postganzsache? 
Artikel im Rundbrief 9/2002 der ARGE Bayern e. V. , 
von Friedrich Pietz, Nürnberg

Meine Meinung und Stellungnahme zu diesem Artikel, 
der mir leider erst kürzlich bekanntgemacht wurde







Sehr geehrte Damen und Herren aus der Arbeitsgemeinschaft Bayern,

 

In Ihrem Rundbrief
9/2002 veröffentlichte Herr Friedrich Pietz eine Replik über 
"Die älteste bayerische Postganzsache" von Martin Erler (Heft 1/1989 der ARGE Fiskalphilatelie). 

Bedauerlicher Weise wurde mir dieser Artikel erst vor kurzem bekannt.

Als Autor von 133 Handbüchern über den Stempelpapier-Impost der altdeutschen Länder (z.B. ab 1628 für Baden- Durlach), möchte ich, wenn auch zeitlich versetzt, antworten und einiges fachlich richtig stellen. 

Eingangs muss festgestellt werden, dass in beiden Abhandlungen die Gesetzestexte bzw. Verordnungen nicht aufgeführt sind. 

Stellen wir aber dazu klar, daß Martin Erler, der Pionier der Deutschen Fiskalphilatelie, Grundlagen zu allen deutschen Sammelgebieten geschaffen hat. 

Wir sind ihm großen Dank schuldig und wir, seine „Nachfolger“, sind verpflichtet, seine Grundlagenforschungen und Entdeckungen wissenschaftlich exakt weiterzuführen. 
Dabei werden wir immer wieder auf Fehler und Irrtümer stoßen, die im sachlichen Kontext aufgearbeitet werden müssen.
 

Herr Pietz behauptet, dass in Bamberg versehentlich Stempelpapier verwendet wurde. 

Hierzu muss eindeutig klargestellt werden, dass in allen Deutschen Landen fiskalische Gebühren von den postalischen getrennt behandelt, verrechnet und gesetzlich behandelt wurden. 

Es ist unbestritten, dass fiskalische wie postalische Gebühren aus den analogen Grundgedanken vor über 350 Jahren entstanden sind. 

Beide Gebührenarten haben sich aber relativ zeitlich unabhängig voneinander weiterentwickelt. 


Weiterhin behauptet Herrn Pietz, dass  altes Stempelpapier aus dem Hochstift Würzburg zum Drucken von Postscheinen verwendet wurde.

Dazu ergeben sich folgende Fragen: Woher kam das Stempelpapier?

Wurde das etwa von Bayern beschlagnahmt? Üblich war ein Verstecken solcher Bargeldscheine! 
Und um welches Hochstift soll es sich dabei handeln?

Es gab seit der Säkularisation keine Hochstifte mehr, weder das Bambergische noch das Würzburgische! 

Zur Bayernzeit waren diese Hochstiftslande einverleibt und wurden total geplündert. Und Würzburg wie auch Bamberg galten nur noch als Fürstentum!

Auch war Würzburg kein Kurfürstentum. Der Titel Ferdinands: "Kurfürst von Salzburg" ging nicht mit auf das Fürstentum Würzburg über.
 

Meine Frage lautet, woher kam das Stempelpapier, wenn es vorher gar keins im Hochstift Würzburg und auch in Bamberg gegeben hatte?

Das Stempelpapier wurde erst 1803 von Bayern in den an Bayern gefallenen Gebieten eingeführt und Ferdinand von Würzburg übernahm das bayrische Stempelpapiersystem im Februar 1806 als allererste Amtshandlung überhaupt, aber ohne die bayerischen Gebührenstempel. Es wurden nur handschriftliche Gebührenwerte eingetragen, bis die neu zu schneidenden Stempel im Frühjahr in  Umlauf kamen.

Und wenn, dann wurde im Fall der ältesten bayrischen Postganzsache aus Bamberg von 1813, wie von Martin Erler angenommen - aber dies ist von ihm selbst mit einem Fragezeichen versehen worden - verschriebenes oder als unbrauchbar geltendes bayrisches Stempelpapier im jeweiligen Stempelamt entwertet und dann auch rückgebucht, mehr nicht!

Also war das Stempelpapier vorher vom Stempelamt entwertet und rückgebucht worden, denn für ein Rückbuchen hatte die Post oder der Postbedienstete überhaupt keine Befugnis. 

Es handelt sich hier um staatliche Bargeldscheine, ganz wie Wechsel und umlaufendes Bargeld auch.


Weiter möchte ich anmerken, dass wohl in Bayern die Post vom Stempelzwang für Quittungen befreit gewesen sein mag (mir fehlen hier leider die Gesetzestexte), aber im Fürstentum bzw. dem späteren Großherzogtum Würzburg, eine österreichische Staatsform, wohl der Stempelzwang für auszustellende Quittungen bei der Post, ganz so wie in allen habsburgischen Landen auch, bestanden haben könnte. 

Im Einzelnen ist das Procedere mit den Postscheinen aus Stempelpapier gefertigt mal eben so nicht zu erklären und zu beweisen, denn die Fiskalphilatelie steht erst am Anfang ihrer Forschung und uns 100 Sammler in der ganzen Welt bleiben -
gemessen an der Zeit, die die Postalischen Philatelie bis heute gebraucht hat - dafür noch 168 Jahre Zeit,  Dazu braucht es ein wenig mehr, als postalische Laufwege und postalische Gesetzestexte zu studieren.

Ich nenne die Fiskalphilatelie gerne "Geschichte pur"; eine Briefmarke flüstert, ein Brief spricht, aber ein Stempelpapier schreit!

   

Nun meine Stellungnahme zu den einzelnen Abbildungen von Herrn Pietz:

Zu Abbildung 2: 

Hier wurde nicht mit dem Federkreuz oder einem Revisionsstrich entwertet, nur ein Tintenfleck ist zu sehen. Diese Stempelpapier- Signette ist von 1811.

Da sind die Postscheingebühren noch handschriftlich mit 3 Kreuzer extra vermerkt worden! 

Die Aussage von Herrn Pietz ist falsch, dass es sich dabei um einen Gebührenstempel, also ein Stempelpapier
aus dem Hochstift Würzburg handeln solle, denn die wurden im Stempelamt ja alle vorher gestempelt! 

Wie bereits angemerkt, welches Hochstift, welches Stempelpapier, wenn es gar keins vorher gegeben hat?

Es ist ein Gebührenstempel (also eine Gebührensignette) aus dem Großherzogtum Würzburg, die ab September 1806 in Vollzug gekommen ist, und die Herrscherkrone zeigt eine Grossherzogskrone, keinen Fürstenhut.

In der "Würzburger Chronik" Personen und Ereignisse von 1802 - 1848 von Dr. Leo Günther von 1925 wird ausgeführt:

Schöpf erwähnt auf Seite 62 unter "Stempelpapier und Konskription" in seiner "Historisch- Statistischen Beschreibung des Hochstiftes Würzburg" von 1802, daß es gar kein Stempelpapier im Hochstift Würzburg gegeben hatte. Die Leute kannten diese Abgabeform nur vom Namen nach und wussten auch, dass damit wohl Reichsritter in Franken ihre einige Dutzend Untertahnen zu plagen wussten!

Also warum sollte und durfte oder musste die Post in Würzburg, das damals sowieso sehr teure und gerade erstellte Stempelpapier aus dem Grossherzogtum Würzburg für Postscheine benutzen?

Es sei denn, die Post musste es auf staatliche Anordnung hin benutzen, weil ja Quittungen im Habsburgischen stempelpflichtig waren.

Aber letztendlich hatte die Post sowieso mit alledem nichts zu tun, das wurde alles im Finanzministerium entschieden.

Denn mit jedem verschriebenen Stempelpapier wurde ja bares Geld für die Staatskasse vernichtet.
 

Liegen etwa Gesetzestexte / Edikte oder ein Circular aus dem Toscanisch / Habsburgisch Würzburger Finanzministerium vor, aus dem hervorgeht, es soll verdorbenes Stempelpapier für Postscheine, wie, weiter verwendet werden? 

Das nehme ich nicht an, denn 1945 sind alle Finanzakten bei einem Bombenangriff im Würzburger Archiv verbrannt! 

Es war halt nicht alles Postsache wenn es ums Stempelpapier geht,  gleichwohl es oft ineinander verzahnt war! 

Aber beides waren indirekte Steuereinnahmen des Staates!

Im Österreichischen waren alle Quittungen stempelpflichtig, so auch die postalischen Quittungen. 

Und damit kann hier vorerst angenommen werden, dass dieses Procedere mit der stempelpflichtigen Quittung auch für das Toscanische / Habsburgische Fürstentum ab Januar 1806 sowie auch für das Toscanisch / Habsburische Grossherzogtum Würzburg ab September 1806 gegolten hatte.


Zu Abbildung 3 von Herrn Pietz: 

Auch hier stimmt die Behauptung nicht, es sei ein Hochstifts-Gebührenstempel.


So liegt  auch hier ein Postschein aus dem Jahr 1807 vor, der aus einem Stempelpapier mit einer Grossherzoglichen Signette gefertigt wurde. 

Auch hier zeigt es uns die Grossherzogskrone an; das ist kein Fürstenhut!

Dieser Stempel ist wie vorgeschrieben mit einem Federkreuz entwertet worden!!

 
WIESO?

B
is mir jemand das Gegenteil beweist, steht für mich bei dieser Sachlage eindeutig fest, dass doch diese drei Kreuzer in Form eines Gebührenstempels vom Empfänger bezahlt und damit vom Postbediensteten anschließend entwertet worden. Und der Beleg galt damit als gestempelte Quittung im GHZ Würzburg.

Es sei denn, es wäre ein missbräuchlich bereits schon vorab entwertetes und rückgebuchtes Stempelpapier gewesen, welches für Postscheine zugeschnitten wurde.

Aber warum ersparte sich der Postbedienstete dann eine weitere Hinzufügung der Postschein-Gebühr? 

Oder ist diese gar handschriftlich auf der Rückseite vermerkt worden?

 
Ob dieses Handling des Postbediensteten gesetzeskonform mit den Poststatuten gewesen war, ist zu bezweifeln. Auch wage ich zu bezweifeln, dass das eine Mal eine Gebühr genommen und handschriftlich auf dem Postschein vemerkt wurde und das andere mal wiederum nicht.
 

Letztendlich fehlt auch hier ein schlüssiger Beweis einer klaren Geschichts- und Gesetzeslagen- Überprüfung!
 

Und daß nur vier Postscheine aus einem Stempelpapier gefertigt worden seien, wie von Herrn Pietz angemerkt, kann auch nicht stimmen.

Ein Stempelpapier war immer ein Folio Bogen Papier und der hatte immer zwei Blätter, und aus zwei Blättern Foliopapier bekomme ich mindestens 8 Postscheine, oder auch 10 Stück, je nach Größe!

  

Schließlich muß hier noch eines angemerkt werden:

Dieser Schein stellt für uns Fiskalphilatelisten ein Highlight dar, gibt es doch für uns Sammler solche Stempelpapiere aus dem GHZ Würzburg kaum aufzufinden.

Also genauso selten aufzufinden wie die teuersten Briefmarkenraritäten der Welt.

Und wer dies abwertend bewertet wie Herr Pietz und aussagt, da sei ein Gebührenstempel falsch gesetzt worden, das ist Zufall, oder auch nur so gewollt, der verrennt sich hier gewaltig im Dschungel der Gesamtphilatelie und dazu gehört auch die Fiskalphilatelie. 

Denn ohne Fiskalphilatelie keine Post und auch keine Briefmarke bzw. keine Gebührenstempel. 
Auch das ist geschichtlich schon längstens bewiesen worden.

     
Die Fiskalphilatelie steht also erst am Anfang aller Forschung und wir haben ja - wie schon oben erwähnt - auch noch 168 Jahre Zeit zum Aufarbeiten unserer fiskal- philatelistischen Geschichte!
 
Das tun wir mit sehr wenigen Sammlern und für diese Forschung brauchen wir auch sicher doppelt soviel Zeit.
So sind allein für Deutschland im Jahre 1789 insgesamt 314 reichsständische Territorien und 1475 Reichsritterschaften, darunter große und kleine Staaten, 7 Kurfürstliche Gebiete, ca. 60 Reichsfürsten, rund 100 Reichsgrafen und 50 Reichsstädter an Tax- und Gebührenstempeln zu erforschen! 

Dazu kommen dann auch noch die unzähligen Tax- bzw. Gebührenstufen und Gebührenklassen dazu, was in die Zigtausende gehen wird! 

Ist das mit Gebühren- Poststempeln überhaupt noch zu toppen, wohl eher nicht! 

In der Welt ist solch eine Fülle an Gebührenemissionen einmalig, nicht einmal die unzähligen Staaten in Indien oder die Stempelmarken Emissionen des Staatenbundes Commonwealth können da mithalten!

 

Mit 133 Handbüchern auf rund 9800 Seiten habe ich einen ersten Anfang zu allen bisher aufgefundenen Gebührenstempel- Emissionen gemacht! Den unbekannten Rest gilt es noch zu erforschen!

Nur eine fachlich fundierte Diskussion mit vorheriger intensiver Forschung führt uns gemeinsam zu neuen Erkenntnissen. 

 



Hier zeige ich Ihnen nun einige Gebührenstempel aus dem Fürstentum Würzburg, die spätestens im Frühjahr 1806 in Vollzug gekommen waren. 

 


  

Zu sehen das Würzburg- Fränkische Wappenschild mit Fürstenhut (Herzogshut) und innen mit einem österr. Herzschild, dem Bindenschild; diesem ist eine Kaiserkrone aufgesetzt!


 
Über die Einführung solcher Gebührenstempel gibt es bisher in den ganzen Gesetzessammlungen des Kirchenstaates Würzburg vor der Säkularisation nichts an Verordnungen aufzufinden, demnach hat es auch vor 1802 kein Stempelpapier in den Hochstiften gegeben!

Erst durch Bayern wurde es mit Rescript vom 2. 09.1803 angekündigt und am 23. 09. 1803 zum Wohle der Staatskasse auch eingeführt - im übrigen von den Würzburgern mit mehr beißenden Spott bedacht als alles andere zuvor. 

Die Einführung eines Fürstlich Würzburger Stempelpapiers erfolgte mit dem - von mir aufgefundenen -  ersten Regierungsblatt der neuen Würzburgischen Verwaltung Nr. 21, 5tes Stück, Samstag den 15. Februar 1806, in dem Ferdinand das bayrische Edikt weiterlaufen ließ, aber ohne Gebührenstempeln-Gebührensignetten, bis neue geschnitten worden waren!


Und diese Gebührenstempel sind mit dem Fürstentum Würzburg eingeführt worden, die frühestens noch im Frühjahr in den Umlauf gekommen sein konnten! 



Doch leider liegen mir nur Dokumentenausschnitte vor!
Aber vielleicht kann ja ein Briefesammler mit einem ganzen Dokument aushelfen?

 


  

Abermals neu geschnittene Stempel, mit der neu aufgesetzten Großherzogskrone über dem schon im Januar 1806 erstellten Fürstlich Würzburger Wappen mit dem bekrönten österr. Bindenschild. 
Diese Grossherzogskrone zeigt es uns ganz klar an und es gibt eine ganze Reihe von weiteren Stempelmerkmalen, die sich von den vorangegangenen im Fürstentum Würzburg benutzten Gebührenstempeln unterscheiden
!
Und diese Gebührensignetten sind frühestens nach der Ernennung zum Grossherzog in Vollzug gesetzt worden, frühestens noch im September 1806!


 


Abschließend eine kleine Anekdote

Der Bayerische Kurfürst wurde nach der Einführung der Stempelsteuer (Stampfsteuer) 1803 von den Würzburgern mit den Versen verhöhnt:

Jetzt ordnet er den Papier- Stampf,
Der Teufel wird ihn stempeln,
Auf ihn geht schon Höllendampf,
Die Hölle wird ihn kämpeln.

 

Mit den besten Grüssen von Wolfgang Morscheck 
aus Bad Säckingen in Baden Württemberg - Deutschland. 


 

 

Quellen:
- Eigene Aufzeichnungen und Forschungsergebnisse
- Abbildungen aus Martin Erlers Katalog „Die Stempelpapiere aus dem Großherzogtum Würzburg“ 
- Infos aus  „Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst, Sonderdruck Band 80„ von 1957
- sowie aus  „ Die Würzburger Chronik Band III “, von Dr. Leo Günther 1925
- und Infos aus der „Sammlung der Hochfürstlich- Würzburischen Landesverordnungen“, von Philipp Franz Heffner 1802  


www.stempelpapier.de