Das Notariats-Signet

Geschichte der notariellen Beglaubigungszeichen = notarii publici

 

Notariatszeichen, als Signete bezeichnet, gab es schon vor den Siegelpapieren bzw. 
Stempelpapieren (Signettpapieren)
Dieses Signet als Amts- und Rechtszeichen ist als Vorläufer der Siegel (Oblatensiegel) und Stempel zu sehen.
Das österreichische Wort "Signett" ist aus diesem Wort ganz sicher abgeleitet worden!
Auch hier ist eine umfassende Forschung nie erfolgt! 
Wir finden dieses Notariatssignet auch auf unseren Vorphilabriefen bzw. unsere Kuriere, Boten benutzen auch solche Signets als Erkennungszeichen Ihres Berufstandes! 
Und solch ein Notariatssignet (Hoheitssignet) bzw. Kuriersignet zeichnet den (angeblich postalischen Vorphila- Brief) vom Herzog Francesco Sforza aus Mailand aus! 
(Anm. z.B. ein Kreuz mit den Buchstaben FS = Francesco Sforza können wir lesen!)




Anm. Über den Prägestempel habe ich mich ja schon in einem anderen Artikel auf meine Homepage geäußert!


Anm. Es folgt ein Auszug aus Peter- Johannes Schulers "Südwestdeutsche Notarszeichen" 1976

1. STAND DER FORSCHUNG


Die Forschung der Historischen Hilfswissenschaften und auch der Rechtsgeschichte hat sich bisher zwar sehr eingehend mit den Fragen des öffentlichen Notariats beschäftigt', aber das Notarssignet als Amts- und Rechtszeichen stark vernachlässigt und z. T. ignoriert. Findet es doch einmal Erwähnung, wird ihm, wie von Philippi in seiner Urkundenlehre, "jeder tatsächliche Wert" abgesprochen, oder es wird gar, wie etwa bei Oswald Redlich in seiner Darstellung der Privaturkunde, als "eine Sache des antiquarischen Interesses" und ohne "wesentliche Bedeutung für die Diplomatik" abgetan. Selbst die zahlreichen deutschen, italienischen und französischen Einzeluntersuchungen zum öffentlichen Notariat als auch einzelne französische und italienische Arbeiten speziell zum Notarssignet beschränken sich auf einige allgemeine Worte und bieten nur mehr oder weniger zahlreiche Abbildungen. Allein Giry (1898) in seiner Urkundenlehre und Luschek in seiner Darstellung des schlesischen Notariats gehen auf die historische Herausbildung der Signete bzw. auf den bildlichen Sinngehalt näher ein 5a. Die Verkennung der rechtlichen Funktion des Notarssignets als Beglaubigungszeichen verhinderte bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts eine ernsthafte Beschäftigung mit den Notarszeichen. Noch heute muß die 1896 erschienene Arbeit des Notars Friedrich Leist als grundlegend angesehen werden. Erst Mitte der sechziger Jahre haben Louis Carlen, Hans Gerig und Wilhelm Schmidt-Thome mit kleineren Beiträgen die Erforschung des Notarssignets neu belebt. In einem kurzen Beitrag versucht H. Gerig (1. Aufl. 1963) erstmals in neuerer Zeit eine allgemeine Darstellung des Notarssignets. Seine Ausführungen bauen auf Leist auf, bieten aber keine neuen, eigenen Forschungsergebnisse. 1969 veröffentlichte Carlen eine größere Anzahl Walliser Notarszeichen, die sich in ihren mittelalterlichen Formen von dem im übrigen Deutschland vorhandenen Typus nicht unterscheiden. Neu und interessant sind aber seine Ausführungen über die Mitte des 17. Jahrhunderts einsetzende Veränderung des bisherigen Bild-Signets zu einem Unterschrift-Signet, bis das Signet schließlich im 18. Jahrhundert ganz verschwindet. Neuerdings unternahm der Kölner Notar Schmidt-Thome (1970) den Versuch, den oft nur schwer zu deutenden, bildlichen Gehalt der Notarszeichen aufzuhellen. Bei seinem Bemühen, eine bestimmte Gruppe von Signeten als "magische Symbole und Zeichen" zu deuten, hat er leider, entgegen den methodischen Forderungen Amiras und Sehramms, die Scheidung der Zeugnisse nach Ländern und Jahrhunderten sowie deren Sonderung nach ihrer Herkunft nicht immer beachtet und verfiel z. T. der Versuchung, Zeichen und Bilder des 13. bis 15. Jahrhunderts ohne besondere Differenzierung mit solchen aus dem B. und 9. Jahrhundert und anderen aus Vorderasien oder gar von den amerikanischen Indianern zu vergleichen. Der Schwerpunkt der Forschung Schmidt-Thomes scheinen die neuzeitlichen Notariatszeichen vom 16. Jahrhundert an zu sein, wozu er interessante und neue Ergebnisse vorlegte, die uns hier nicht weiter beschäftigen sollen.

Trotz dieser Anstöße fehlt heute immer noch eine größere, auf regionalem Material beruhende Darstellung der Notarszeichen, obgleich es sich hier um das äußerlich hervorstechende Beglaubigungszeichen eines jeden Notariatsinstruments handelt. Dies ist um so erstaunlicher, als das deutsche Siegel abschließend und auch die frühen "Drucker-Signete" weitgehend erforscht sind.

Nördlich der Alpen ist das Notarszeichen, auch signetum publicum, signetum, signum, chyrographum, zeichen, signet, hantzeichen, notariatszeichen und Mal genannt, das hervorstechendste äußere Merkmal einer jeden Notariatsurkunde und gehört zusammen mit der persönlich vollzogenen Notarsunterschrift zu den obligatorischen Beglaubigungserfordernissen. Anders ausgedrückt, ein Notariatsinstrument, das alle formalen Anforderungen erfüllt, aber kein Signet aufweist, ist keine unbeschränkte, jederzeit und gegen jedermann beweisgründende öffentliche Urkunde und ist somit rechtlich den Privaturkunden zuzuzählen. Damit übernahm das Signet die Bedeutung und Funktion des sigillum authenticum, ein Vorgang, den bereits Konrad von Mure für das italienische Notariatswesen festgestellt hat s. Dies wird auch aus verschiedenen Rechtsaufzeichnungen deutlich, wie z. B. im sog. Recht vom Schöffenschrein in Köln vom Jahr 1386, das nur dann die notariell beurkundeten Testamente anerkennt, "sofern ein Tabellio geschrieben und mit seinem Zeichen gezeichnet hätt". Nach § 26 der auf dem Freiburger Reichstag 1496 verbesserten Reichskammergerichtsordnung hatten alle Notare, die zum Reichskammergericht zugelassen werden wollten, dort eine Handschriftenprobe und ihr Signet zu hinterlegen". Die RNO von 1512 zählt das Notarzeichen zu den unbedingt erforderlichen "Solennitäten" eines jeden Notariatsinstruments. Wie sehr die Notare selbst ihr Signet als ein dem Siegel gleichwertiges Beglaubigungszeichen empfanden, wird z. B. am Fall des Johannes Mengli deutlich. Als dieser am 30. April 1406 der Stadt Freiburg wegen Unterschlagungen Urfehde schwor, fügte er seinem eigenhändig geschriebenen Revers nicht sein Privatsiegel, sondern sein Signet bei, und dies ist kein Einzelfall. Der rechtsbegründenden Bedeutung der Notarszeichen wurde auch in den Urkunden Rechnung getragen, indem der Notar in seiner persönlich vollzogenen Unterschrift, und zwar in engem Zusammenhang mit der "in hanc publicam formam"-Formel, es nie unterläßt zu erwähnen, er habe "diss offen instrument davon gemacht mit eigen hand geschriben und mit gewonlichem minem zaichen und namen gezaichnet", lateinisch heißt diese Formel: in hanc publicam formam redegi ac signo et subscriptione meis solitis et consuetis ... signavi et subscripsi. Jede der beiden abschließenden notariellen Unterfertigungen wird auch im Verbum sehr fein unterschieden. Während die notarielle Unterschrift mit den Verben "subscribere, underschriben" umschrieben wird, wird das Anbringen des Signets mit "signare, signieren, zeichnen" angekündigt. Bisweilen werden beide Vorgänge, das Leisten der Unterschrift und das Aufzeichnen des Signets, in dem Verbum "consignare" zusammengefaßt.
Jeder Notar führte von seiner Ernennung an sein persönliches, unverwechselbares Notarszeichen. Bisher konnte noch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob in der Frühzeit die deutschen Notare ihr Signet bei der Kreierung zum "notarius publicus" vom ernennenden Hofpfalzgraf verliehen bekommen hatten oder ob dieser sich mit dem Nachweis eines Signets begnügte, das er dann billigte. Für die letztere Annahme könnte sprechen, daß in den Ernennungspatenten des 14. und 15. Jahrhunderts zwar stets die Belehnung durch Überreichung von Feder und Tintenfaß hervorgehoben, das Signet jedoch mit keinem Wort erwähnt wird. Der wahrscheinlichere Grund, warum das Signet nicht angeführt wurde, ist wohl darin zu suchen, daß in Deutschland Ernennungsformulare benutzt wurden, die von den italienischen Rechtsgewohnheiten geprägt waren. Und da dem Signet in Italien anfänglich nicht diese wichtige Funktion zukam, es vielmehr ein Beizeichen war, wurde es auch nicht als maßgebliches Amtszeichen empfunden und auch nicht in die Notarspatente aufgenommen. Später wurde das Signet durch die ernennende Person verliehen, was wir aus notariellen Unterschriften wissen. Konrad Schultheiss von Reutlingen ergänzte die allgemein übliche und das Signet ankündigende Formel folgendermaßen: ". . . min zeichen so ich von des obgenehmpt kaiserlichen gewalt wegen gewonlich bruchen . . ."; bei Heinrich Zeygler in Basel findet sich folgender Halbsatz: ... ac signum measm consuetum, quo dicta imperialt auctoritate uti soleo . . . . Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde auch in den Ernennungsdiplomen der Bedeutung der Signete Rechnung getragen. Das vom Notar erwählte Signet wurde nun gleich einem Wappen in der Urkunde eingehend beschrieben und eingezeichnet. Auf den engen Zusammenhang von Ernennung zum Notar und Annahme des Notarssignets nehmen einige Notare im 16. Jahrhundert ausdrücklich Bezug. Marquard Müller gen. Gersten setzte in die obersten Stufen seines Signets die Zahl 1555, das Jahr seiner Ernennung zum notarius publicus, und darüber neben den Signethals die Zahl 1587, das Jahr der Ausstellung des Notariatsinstruments. Unabhängig von der Frage, ob nun das Signet von der autorisierenden Person verliehen worden war, scheinen die Notare zuvor ihr Signet frei ausgewählt zu haben. Einen Einblick in die Entstehung eines Notarszeichens geben die Aufzeichnungen des Südtiroler Notars Friedrich [von Innichen?] aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Die Initiale F. wird von zwei Quadraten umgeben, die oben mit drei von Kreuzen bekrönten Spitzgiebeln verziert sind. Offensichtlich war sich der Notar Friedrich unschlüssig, wie der Signetfuß aussehen sollte. Sein Notizheft enthält zufällig auf der letzten Seite ein 1332 in Bologna aufgenommenes Notariatsinstrument mit Signet. Daraus wird deutlich, daß sich der Notar Friedrich nicht für einen der Entwürfe mit einer Signetbasis hatte entscheiden können, denn in seinem angenommenen Signet hat er auf einen Signetfuß verzichtet.

Auch aus Südwestdeutschland sind uns Entwürfe von Signeten überliefert. Hier handelt es sich wohl um Versuche von Notarschülern, die in der Kanzlei des Konstanzer Stadtschreibers Nikolaus Schultheiss gemacht wurden. Hieraus wird deutlich, daß es zur Ausbildung der Kanzleischüler gehörte, neben dem Zeichnen von Auszeichnungsschrift (Tafel A) auch das des späteren Signets zu üben. Auf die freie Wahl ist auch zurückzuführen, daß eine große Zahl von Signeten ganz persönlich auf den einzelnen Notar zugeschnitten ist und des öfteren eher nach originellen als nach ästhetischen Gesichtspunkten zusammengestellt wurde. Schließlich spielten auch die zeichnerischen Fähigkeiten des einzelnen Notars eine Rolle. Bei der Gestaltung seines Signets hatte der Notar unbedingt darauf zu achten, daß das von ihm gewählte Signet möglichst wenig Ähnlichkeit mit bereits benutzten aufwies oder mit anderen verwechselt werden konnte. Die Forderung nach Originalität war zwar nirgends verankert, dennoch haben sich bei dem vorliegenden umfangreichen Material nicht zwei gleiche Signete finden lassen. Selbst in den Fällen, in denen der Sohn dem Vater in diesem Beruf nachfolgte, weisen die Signete zwar oft enge Verwandtschaft auf, sind aber immer deutlich voneinander zu unterscheiden. Besondere Differenzierungsmöglichkeiten ergaben sich aus der Beifügung des Namenszuges oder einer Devise. Das einmal angenommene Notarszeichen durfte kein Notar "ohne Gewalt des Richters und auß redlichen Ursachen verwandeln, ändern oder mit einem andern Zeichen" sein Instrument bezeichnen, so der § 16 der RNO. Auch vor dem Erlaß der RNO = Reichsnotariatsordnung) war dies ein von allen Notaren beachteter Rechtsgrundsatz.



2. Die Entstehung der Notariatszeichen

a) Italien - Frankreich - Spanien

Mit der Frage nach dem Ursprung der Notarszeichen hat sich die Wissenschaft bisher nur wenig und z. T. sehr spekulativ befaßt, wie etwa Herbert Meyer in seinem Buch vom "Handgemal" (1931) und J. O. Plassmann in seinem Aufsatz über die "Stufenpyramide", erschienen 1940 in der Zeitschrift "Germanien". Auch das Monogramm auf den Königsurkunden, das Bene-Valete-Zeichen und die Rota der päpstlichen Urkunden wurden als Vorbilder der Notarszeichen genannt.
Die Anfänge des Notarszeichens können u. E. nicht im deutschen Rechtsbereich, sondern nur in Italien und Südfrankreich gesucht werden. Denn bereits die forenses und scrinarii et tabelliones des 6. bis 9. Jahrhunderts in Ravenna, Rom und Neapel haben ihren Unterschriften Zeichen vorangestellt, die in der Art des Aussehens und der Art der Anbringung sehr den frühen signa tabellionum gleichen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind diese Tabellionenzeichen auf die Gesetzgebung Justinians zurückzuführen. Dieser verpflichtete in einer Verordnung die Tabellionen, ihrem Namen ein Kreuz voranzustellen. An diese Stelle bezieht sich auch der Verfasser der Glosse "Oportet" und deutet die "signa" der Novelle als signa, id est dicere manu tabelliones . . ., vel aliud simile signum ut crucis ... vel dic quasdam notas, quas faciunt quidam tabelliones, quae tamen nihil significant, sed ad comperationes faciunt . . . Vergleicht man die Aussagen der Verordnungen Justinians und die der Glosse "Oportet" mit dem erhaltenen Urkundenmaterial, werden Zusammenhänge deutlich, die später zur Entstehung des Notarszeichens geführt haben. Nach der Glosse gibt es zwei Arten von "Signa":



Signum des "forensis", Giovanni aus Ravenna (6. Jh.)



1. solche signa, die einem Kreuz ähneln: Zeichen also, die bereits Justinian den Tabellionen zur Pflicht gemacht hatte und sich als Grundelement in einem Großteil der späteren Notarssignete wiederfinden. Eine nicht unbedeutende Rolle dürfte hierbei auch die Tatsache gespielt haben, daß das Kreuz für das christliche Mittelalter das "Signum" schlechthin war und als Zeichen der Anrufung Gottes in Urkunden allgemein der persönlich geleisteten Unterschrift vorangestellt wurde. Auf das Notarszeichen übertragen, stellt das Kreuz neben der Invocatio zugleich den Begriff des "signum notarile" monogrammatisch dar, was später in anderem Zusammenhang noch deutlicher werden wird.
2. solche signa, die aus irgendwelchen notae zusammengesetzt sind. Daß zwischen den inhaltslosen notae der Glosse und den " ariusia " der Novelle ein Zusammenhang besteht, konnte erst kürzlich Costamagna (1971) darlegen. Er fand heraus, daß bereits die erwähnten ravennatischen Tabellionen in ihren Unterschriften solche Gebilde aus notae gebrauchten. Costamagna vermochte nun im einzelnen nachzuweisen, daß es sich hier um nichts anderes als um ineinandergeschlungene tironische Noten handelt, die den Titel "notarius" beinhalten (vgl. Abb. II).
Im Laufe der Zeit überlagerten sich das z. T. individuell ausgestaltete Kreuz und die tachygraphischen Zeichen, und beide verschmolzen miteinander. Doch als Ende des 9. und Anfang des 10. Jahrhunderts erstmals diese an sich fremdartigen Zeichen in den



Notariatsurkunden auftauchten, waren die tachygraphischen Zeichen zu inhaltslosen Schnörkeln geworden, wie sie sich in der Subskriptionszeile der karolingisch-ottonischen Diplome finden. Diese Sinnentleerung der Signa hing sicherlich damit zusammen, daß die Notare nicht mehr die tironischen Noten beherrschten. Die inhaltliche Entleerung der Signa machte es nun möglich, daß die Zeichen seit dem 11. Jahrhundert ausgestaltet wurden. Bald konnte niemand mehr über den Sinn der frühen Notarszeichen Auskunft geben, was auch in der Glosse "Oportet" zum Ausdruck kommt.

Daneben scheint es noch einen dritten Grundtyp gegeben zu haben, der auf dem ganz allgemein in den Unterschriften vorkommenden Wort signum aufbaute. Dieser in die Unterschriften aufgenommene Begriff signum wurde allgemein im 10. und 11. Jahrhundert und nicht nur in den Tabellionenurkunden durch einen langen waagrechten Strich, der wiederum durch einen oder mehrere vertikale Striche unterbrochen ist, gedehnt. Während im Verlauf des 12. Jahrhunderts das Signum-Zeichen allgemein aus den Unterschriften verschwindet, haben die französischen und spanischen Notare daraus eine der Grundformen ihres charakteristischen Notarszeichens entwickelt. An dem umfangreichen spanischen Material konnte Subirä im einzelnen nachweisen, daß sich die verschiedenen Kreuze im Signum-Zeichen zu einem zusammenzogen, und noch im 11. Jahrhundert werden die Kreuzesarme durch Bogen verbunden, so daß eine Kreuzblüte entstand. Anfang des 13. Jahrhunderts wurden die Kreuzblüten zu phantasiereichen Gebilden, unter Beibehaltung des Kreuzes als Grundform, ausgestaltet. Ähnlich muß sich dieser Vorgang in Frankreich abgespielt haben, wo noch italienische Einflüsse hinzukamen. Dieser dritte Grundtyp der Notarszeichen wurde in Frankreich und in Spanien, aber auch in Italien zum Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung. In Spanien blieb er der allein vorherrschende Signet-Typ, der die Form des bis zum Beginn des 19.Jahrhunderts handschriftlichen Notarszeichen bestimmte.



Abb. VI Bernardo de Torello (1246)


Etwas anders verlief die Entwicklung des italienischen Notarszeichens. Hier wurde das von den Tabellionen ihren Unterschriften vorangestellte Kreuz verflochten mit den nun inhaltslosen Signa zur vorherrschenden Grundform für die nachfolgende Entwicklung. Im Lauf der Zeit streckte sich der Kreuzschaft, so daß ein Signetkopf und ein mehr oder weniger langer Abgang, der sog. Signethals, sich voneinander abheben. Der Signethals läuft unten in einen z. T. sehr verschnörkelten Abstrich aus. Dieser Schnörkel bildete sich später zu einem Fuß aus, der sich vom deutschen Signetfuß, wie noch zu sehen ist, wesentlich unterscheidet. Sehr bald wurde in die Komposition des Signets das Monogramm des Notars oder auch sein ganzer Name in Form einer z. T. kalligraphischen Kursive aufgenommen. Äußerst selten sind dagegen italienische Signete, die den Namen des Notars bildlich darstellen. Es scheint, daß der Typus des sog. "redenden Signets" durch die vielen deutschen und französischen Notare an der römischen Kurie nach Italien gebracht wurde. Dasselbe gilt auch für den mehrstufigen Signetfuß, der bisher nur regional und erst Ende des 14. Jahrhunderts in einzelnen Fällen auch in Italien nachweisbar ist. In Italien ging die Entwicklung nicht immer in Richtung eines Bildstocks wie etwa in Frankreich und Deutschland, vielmehr wird bei einem Teil der Zeichen das eigentliche Signet von einer ausgestreckten Hand gehalten. Bei manchen Notaren reduzierte sich dann das Notarszeichen schließlich auf das Bild eines ausgestreckten Arms mit Hand, wobei der Arm dazu benutzt wurde, den Namen oder die Devise des Notars einzutragen. Diese Form des Signets scheint sich besonderer Beliebtheit in Calabrien erfreut zu haben.

 



Anm. diese Signet-Form ähnelt doch stark der Signetform auf dem Brief des Herzogs Sforza!


In Frankreich und Spanien wurden die Notarszeichen Anfang des 13. Jahrhunderts in ihrem Umfang vergrößert, das Grundsymbol, das Kreuz, wurde zu ganz neuen Bildern umgeformt und teilweise schon Mitte des 13. Jahrhunderts ganz verlassen. Die anfänglich nur hingeworfenen Schnörkel entwickelten sich zu geometrischen Mustern und bald zu bildlichen Inhalten. So begegnen in der Folgezeit Kombinationen von geometrischen Figuren, von Blumen, Tierköpfen, von Häuschen und Burgen, von menschlichen Figuren, von Armen und Beinen, kurzum alle typischen Motive der bildenden Kunst der Zeit. Das Signet wurde zunehmend mehr zum Schmuckstück mit bildhaftem Charakter. Die Bildsprache wurde üppig angereichert, indem Sinndeutungen in das Signet aufgenommen wurden, wobei auch die Volksetymologie eine wichtige Rolle spielte. Daneben kam bereits im 13. Jahrhundert die Gewohnheit auf, den Namen des Notars teils als Monogramm, teils als kursive Unterschrift in das Notarszeichen einzufügen.Die kursiv geschriebene Notarsunterschrift wurde immer mehr als Fuß zur Stütze für den kreuzförmigen Aufbau der Notarszeichen. In vielen Signeten entwickelte sich in der Folgezeit daraus ein ein- bis mehrstufiger Sockel.
Mitte des 13. Jahrhunderts setzte in Frankreich eine ganz eigenständige Entwicklung auf dem Gebiet des Signets ein, die schließlich zur völligen Abschaffung des gezeichneten Notarszeichens führte. Die Notare schufen sich neben ihren kompliziert gezeichneten Signeten für die weniger bedeutenden Akten und Urkunden ein zweites Amtszeichen, das in seiner Form viel einfacher und schneller auszuführen war. Es bestand im Gegensatz zum eigentlichen, dem gezeichneten Notarszeichen, dem sog. "grand seing", aus einer Reihe von Buchstaben des Notarsnamens oder aus diesem selbst und bildet die Form einer Paraphe.

Abb. VIII 1501

Sehr schnell hat dieses neue Signet, "petit seing" oder "seing du nom" genannt, das ursprüngliche Signet ersetzt und schließlich im 16. Jahrhundert völlig verdrängt. Diese Entwicklung wurde auch noch dadurch beschleunigt, daß seit Ende des 15. Jahrhunderts der Name des Notars in großen charakteristischen Buchstaben geschrieben ins Signet aufgenommen und das Signetzeichen zum Beiwerk herabgedrückt wurde. In den Notarsregistern von Toulouse ist ein typischer Vorgang der Veränderung eines Signets festgehalten.



Abb. IX Antoine Cortes 1501

1501 hatte Antoine Cortes dort sein Signet bei der zuständigen Behörde hinterlegt, 1507 erklärte er nun, er wolle sein Signet abändern, und ersetzte sein bisheriges Zeichen durch eine Paraphe des neuen Geschmacks.



Antoine Cortes, Notar in Toulouse 1507



3. Deutschland

Das Notariatsinstrument und mit ihm das Notarszeichen waren bis zur Rezeption des öffentlichen Notariats in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine dem deutschen Urkundenwesen völlig fremde Beglaubigungsform. Eine wesentliche Rolle bei der Rezeption des öffentlichen Notariats in Deutschland spielt das Offizialat mit seinem schriftlichen Prozeßverfahren. Es dauerte trotz der relativ zügigen Einführung des kanonischen Prozeßverfahrens fast 30 Jahre, bis nach dem Auftreten des ersten deutschen öffentlichen Notars die erste deutsche notarielle Beurkundung erfolgte. Zu notariellen Beurkundungen kam es aber erst, nachdem das kanonische Prozeßverfahren sich weitgehend durchgesetzt hatte. Die anfängliche und verständliche Zurückhaltung des deutschen Publikums gegenüber der fremden und siegellosen Beurkundungsform suchten die ersten Notare dadurch etwas abzubauen, indem sie ihre Notarszeichen längst bekannten Urkundenzeichen nachbildeten. Das früheste deutsche Signet, das des Kölner Notars Theodericus de Colonia dictus Porta (1279), weist eine Form auf, die an das bienenkorbähnliche Gebilde auf den karolingisch-ottonischen Diplomen erinnert. Ein anderer Kölner Notar, Heinrich dictus de Isenburg (1300), hat sein Signet den königlichen Monogrammen nachgebildet;



Abb. X Theodericus de Colonia dictus de Porta (1279)



Abb. XI Heinricus dictus de Isenburg (1300)


monogrammatisch aufgebaut ist auch das Zeichen des ältesten südwestdeutschen Notars, das des Lucelmannus quondam Lupfridi Appothecarii de Wormatia von 1295 Die entscheidenden Einflüsse auf das deutsche Notarszeichen gehen von Italien und Frankreich aus. Auf italienische Vorbilder ist vor allem der in einen Schlußstrich auslaufende Signetfuß zurückzuführen, wahrscheinlich sind es auch die phantasievollen stern und knotenförmigen Signetköpfe, die inhaltlich nicht immer zu deuten sind. Parallel, aber nachhaltiger waren die Beeinflussungen, die vom französischen Notarszeichen ausgehen. Vor allem drei Faktoren der Signetgestaltung, die sich in Frankreich während des 12. Jahrhunderts ausgebildet hatten, wurden für die deutsche Form des Notarszeichens richtungweisend: 1. das Bestreben, das Notarszeichen zum Schmuckstück mit bildhaftem Charakter zu machen; 2. die Ausbildung des Signetfußes in einen ein- bis mehrstufigen Sockel; 3. die Gewohnheit, in den Signetfuß den Namenszug bzw. die Devise einzutragen. Gerade letzteres hat den für das deutsche Notarssignet typischen bildhaften Charakter bewirkt.

4. FORMEN UND BILDINHALTE DER NOTARSZEICHEN

Die Notarszeichen sind, wie oben bereits ausgeführt, ganz persönliche Zeichen, die sich in einer beträchtlichen Anzahl einer sicheren Deutung entziehen, da sie nur aus der Person des Notars heraus erklärt werden können. Weil die Gründe für die Wahl eines Zeichens ausnahmslos unbekannt sind, erschwert dies in besonderem Maß die inhaltliche Bestimmung. Der Mangel an Kunstfertigkeit und Formgefühl macht in dem einen oder anderen Fall die Deutung noch zusätzlich schwierig. Diese Tatsachen verpflichten den Betrachter, beim Ausdeuten der Signete äußerst zurückhaltend zu sein, um keiner Fehlinterpretierung zu erliegen.
Die Signete des Mittelalters und der Neuzeit unterscheiden sich in ihrer Form und in der Art des Anbringens sehr erheblich, wodurch z. T. auch die Gestaltung des Signets geprägt wurde. Die äußeren Unterschiede ergeben sich einmal aus der Art der Anbringung, zum anderen aus der Beschaffenheit des Zeichens. Aufgrund dieser unterschiedlichen äußeren Merkmale lassen sich folgende Signetformen unterscheiden:

1. a) das persönlich gezeichnete Bildsignet, b) das persönlich geleistete Unterschriftssignet (petit seing), 2. der Stempel, 3. das Kupferstich-Signet, 4. das Notars-Siegel, a) Lack-Siegel, b) Oblaten-Siegel.
So gab es Signete mit kirchlichen und weltlichen Herrschaftszeichen, das "redende Signet",
Darstellungen von Menschen, Tieren und Pflanzen, Signete mit magischen Bildinhalten, 
Signete mit phantastischen und ornamentalen Formen.

Folglich sollte ein Privatboten- Stempel des Herzogs Sforza aus Mailand nicht gleich zu einem Poststempel gemacht werden! Das ist schierer Unsinn der postalischen Sammlergilde. - Wie immer- und wieder einmal: mehr Schein als Sein!

 


Südwestdeutsche Notariatssignete



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