Reichsstädte im Römischen Reich Altdeutscher Nationen

Hier: Reichsstadt Weißenburg i. Bayern:

Der Stadtschreiber

Der Stadtschreiber war einer der allerwichtigsten Beamten, den bereits der Einigungsbrief von 1377 vorsah, damals bloß Schreiber geheißen lateinisch scriba oder scriptor. Obwohl er gewöhnlich bis zu seinem Ableben oder bis zur Dienstunfähigkeit im Amte blieb, mußte er doch jedes Jahr gleich allen anderen seinen Diensteid von neuem ablegen. Das schon erwähnte Pflicht-Buch mit Einträgen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert enthält eine lange "Stadtschreiberpflicht",  die zugleich für den Syndikus hinsichtlich seiner Ratsverpflichtungen galt. Personalien und Gehaltsverhältnisse sind erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts überliefert. Es waren damals für das Jahr 40 fl. ausgeworfen, die noch mehrere Jahrzehnte gleich blieben; nach einem Ein- und Ausgabebuch von 1475, worin Peter Brombacher mit einer großen Liste von Gehaltsquoten auftritt, scheint die Bezahlung in wöchentlichen Raten erfolgt zu sein. Bernhardin Graber von Augsburg, der um Weihnachten 1481 seinen Dienst antrat, genoß laut der von ihm geführten Stadtrechnung noch dasselbe Gehalt. Im Jahre 1464 bekam selbst die Stadtschreiberin 2 fl. - sie dictaverunt consules - für alle Dienste des vergangenen Jahres.

Donnerstag nach Fabiani 1503 (26. Januar) übernahm Johannes Schlecht das Amt; nebenbei war er, wie in jenen Zeiten häufig, Notar; daher nennt ihn eine lateinische Urkunde von 1502 "notarius sive scriba opidi Weissenburg". Er diente bis 1530; noch unterm 6. Mai dieses Jahres stellten er und seine Frau Felicitas dem Karmeliterkloster eine Urkunde aus, worin sie ihm 1 fl. (Gulden) jährlichen Zinses und Herrengelds aus ihrem von Peter Peutler gekauften Hause mit Hofreit, Gärtlein und Badstüblein verschrieben. Als Nachfolger erscheint seit 1531 Wilhelm Schlecht. Der unseres Wissens erste, im Stadtarchiv niedergelegte Dienstrevers datiert vom 18. Mai 1550; damals hatten Bürgermeister und Rat einen Wilhelm Schlecht, wohl des vorigen Sohn, zu der Stadt "Diener- vnnd Statschreiber" aufgenommen mit einem jährlichen "Dienstgelt" von 72 fl. (Gulden). Im Revers gelobt er, einem Rat und Gericht fleißig und getreulich abzuwarten und das Amtsgeheimnis bis ins Grab zu bewahren. Nebenbei versah er das Amt eines kaiserlichen Notars.

Bemerkenswert sind mehrere undatierte Bittschreiben von ihm. Im ersten sagt er, vor kurzem wiederum zum Stadtschreiber bestellt worden zu sein, und ersucht, ihm, wie dem Vater und Großvater, die obendrein größere Besoldungen genossen, auch das nötige Pergament und Wachs oder ein Geldaversum dafür zu reichen - man hatte ihm vorgeworfen, daß er nicht alles zu amtlichen Zwecken gebrauche - und ferner ihm 1 bis 3 gebundene Bücher zu beschaffen, damit er darin die bereits zerissenen Pflicht- und andere Bücher umschreibe!

Als er sein Amt bereits über das fünfzehnte Jahr verwaltet hatte und zur Zeit der jährlichen Ämterwahl um dessen Wiederverleihung anhielt, klagte er über die teuren Zeiten und suchte um Erhöhung seiner Besoldung nach. Er wisse keinen Stadtschreiber in der Nähe, der einen gleich geringen Sold wie er beziehe, außerdem genössen die anderen noch etwas Getreide und Holz nebst freier Wohnung. Dazu hätten sich die magistratischen Geschäfte in Weißenburg bedeutend vermehrt, ja seit 10 bis 15 Jahren geradezu verdoppelt. Etliche Meilen im

Umkreis habe ein Stadtschreiber in einem Monat nicht so viel zu tun als in Weißenburg oft auf einen Tag zusammentreffe.

Auch aus seinem 28. Dienstjahr ist uns ein undatiertes Bittschreiben von ihm erhalten, wieder aus der Zeit, da man "altem löblichem Gebrauche nach" um die Neuverleihung der städtischen Ämter einzukommen pflegte. Er besteht da ein, sich nicht so geführt zu haben, wie es sich gehöre; er wolle sich aber des übermäßigen ("übrigen") Trunks entäußern! Damit seine Schreiberei förderlicher vonstatten gehe, habe er auf Probe ein taugliches Substitut angenommen, das noch von der Stadt in Pflicht zu nehmen wäre. Weil er in einer gewöhnlichen Stube vom Publikum stark überlaufen und beständig gestört werde, halte er sich jetzt in einem besonderen "Schreibstüblein" auf, zu dessen Beheizung er um das erforderliche Holz bitte; der Rat wollte ihm schon die Ratstube einräumen, allein das weite Gemach kostete zuviel Holz.

Wieder in einem Gesuch zur Zeit der Neubesetzung der Ämter um Beibehaltung bemerkt u. a., er habe eine schwere Krankheit durchgemacht, doch seine Gesundheit wieder ziemlich erlangt und nun wolle er einen neuen, einbezogenen Wandel führen und allen Fleiß anwenden, auf daß die ganze Bürgerschaft mit ihm zufrieden sein werde. Bereits stark krank, bat er, ihm seine Besoldung zu belassen, nachdem er im Dienste der Stadt Vermögen, Jugend und Gesundheit eingebüßt habe und wegen seines leiblichen Zustandes kein anderes Amt mehr ergreifen könne. Vergebens hoffte er, wieder gesund zu werden.

Der Rat nahm nun eine Veränderung vor, beließ ihm jedoch sein Gehalt unter der Auflage, sich, soviel ihm noch möglich sei, im Dienste der Gemeinde zu betätigen. Der Umstand aber, daß der Rat etliche Urkunden brauchte, die nicht aufzufinden waren, und dies dem Stadtschreiber zur Last legte, bedrohte ihn mit Entziehung des Gehaltes. Voll Schrecken darüber machte er eine neue Eingabe: Er könne es beim allmächtigen Gott beschwören, seit die Urkunden im Turm registriert worden, keine mehr gesehen noch viel weniger in Händen gehabt zu haben. Der Rat möge ihm das doch nicht entgelten lassen. Sollte er über kurz oder lang nur das geringste auffinden, so werde er es bei seiner Seele Seligkeit sofort ausliefern usw.

Im Februar 1598 suchte seine Witwe Kunigunda um Nachlaß eines Hauszinsrückstandes ihres Mannes nach, der ein viel niedrigeres Gehalt als der jetzt Eingeführten bezogen habe, und es wurden ihr in der Tat 20 fl. nachgelassen (1).

Als geschäftskundige Person verwandte man den Stadtschreiber nicht selten als Vertreter und Gesandten bei Städte- und Reichstagen sowie bei anderen Staatsaktionen. So wurde Johann Georg Ferber, von 1634 bis 1640 im Amt (am 3. Mai 1640 gestorben) (2), in den Jahren 1635 und 1638 nach Nürnberg zum dortigen fränkischen Kreistag und nach Wien abgeordnet. Derartige Reisen fanden damals noch zu Pferde statt. Noch liegen seine Rechtnungen hierüber vor: in der Wiener Ausgabenrechnungen wird u. a. zwischen Dietfurt und Hemau, worüber der Ritt ging der Posten verbucht: "Einem Mann, so mir durch den Wald den Weg gewiesen 5 kr. (Kreuzer)": Im April 1638 rechneten die verordneten Steurer mit ihm ab: seit 1632 schuldete man ihm die hohe Summe von 1320 fl. 20 kr., wovon noch immer 717 fl. 43 kr. in der äußerst geldknappen Zeit unbezahlt waren.

Bei Aufnahme (Georg Albrecht Heckels im Jahre 1677, der vorher Reichspflegrichter gewesen war- 1656 und 1660 hatte er in Altdorf studiert-, wurden des Stadtschreibers Einkünfte folgendermaßen festgesetzt:

Jahresbesoldung 120 fl. fränkisch, für Strafen und drei Mahlzeiten 9 fl. 24 kr., jährlicher Hauszins 6 Reichsthaler - 7 fl. 12 kr. (den Reichsthaler also ausnahmsweise zu 1 fl. 12 kr. gerechnet), für Beköstigungen seines Skribenten (der selbst 10 Reichstaler als Jahressold bezieht) 12 fl., dazu 3 Simra Korn und 25 Pfd. Unschlitt ("Inschlet") sowie 15 Böcke Holz.

Zugleich regelte man die Kanzleitaxen für die verschiedenen amtlichen Ausfertigungen, wobei auch Gebühren für den Skribenten und den Bürgermeister abfielen. Stellen wir sie tabellarisch zusammen. Dabei ist noch zu bemerken, daß, im Fall eine Ausfertigung auf Pergament gewünscht wurde, was schon nicht mehr allgemein üblich war, das besonders bezahlt werden mußte:

Nachdem Heckel schon am 31. Juli 1678 gestorben war, reichte man der Witwe das Wochengeld noch bis Michaelis. Sie machte von Altdorf aus 1695 eine Stiftung für die Weißenburger Pfarrkirche.

Eine spätere, wohl ins 18. Jahrhundert fallende Regelung, weist folgende zumeist höhere Bezüge des Stadtschreibers auf: Fixum 150 fl., Hauszins 12 fl., wegen des Schreibens 12 fl. 20 Böcke Holz; Korn und Unschlitt blieben sich gleich.

"Das Siegelgeld soll Herr Stadtschreiber einnehmen, ein Registerlein darüber halten und alle Vierteljahr dem Herrn Bürgermeister zustellen".

Aus undatierten Gebührensätzen heben wir hervor:

Von einer Geburt, Heirat oder einem Lehrbrief bei Vermöglichen 6 Batzen (= 24 kr.), bei anderen 18 kr; von einem Heiratsbrief und Kindsvertrag auf Pergament dem Herrn 2 Reichstaler, Schreibgeld 24 kr; desgleichen auf Papier dem Herrn 1 ½ fl., Schreibgeld 20 kr., für einen Lehr- oder Geburtsbrief auf Pergament dem Herrn 11/2 Reichstaler, Schreibgeld 24 kr.

Zur Ergänzung bringen wir eine Quittung der Stadtschreiberei vom 21. Februar 1746, (3) wonach an Gebühren für Inventur und Schuldenteilung des Vermögens der gestorbenen Witwe des Ellinger Stadtphysikus und Leibmedikus Samuel Wieder (Wider) im Jahre 1737 erlegt wurden; für den Amtsbürgermeister 3 fl., den Stadtschreiber Lotzbeck (inzwischen gestorben) 3 fl., dem Kanzlisten 1 fl. 30 kr, den Stadtknechten 1 fl. (Summe: 8 fl. 30 kr.).

In der letzten Zeit hören wir von einer städtischen Stadtschreibereiwohnung (Judengasse 30) mit Stadel und kleinem Hofraum. Nach der Aufhebung der Reichsherrlichkeit trat die Frage heran, ob sie nicht entbehrt werden könnte, aber noch 1809 hing deren Entscheidung von der bevorstehenden Organisation der Polizei und übrigen städtischen Behörden ab. Man schlug das Gebäude insgesamt auf 1700 fl. an: Das "zweigädige", d. h. einstöckige Haus auf 1200, den Stadel auf 400, den Hof mit einem Gemüsegärtlein und einem Pumpbrunnen auf 100 fl.; bis zum 15. April 1809 bewohnte es der Polizeidirektor Roth; vom 1. Oktober jenes Jahres wurde es an den Verwaltungsrat Brechenmacher um 50 fl. auf ein Jahr verpachtet.

Damals entschied sich auch die Frage mit dem ehemaligen Syndikaturgebäude (Judengasse 25), der Wohnung des reichsstädtischen Konsulenten, mit Nebenhäuschen, Scheune, großem Hofe und kleinem Wurzgärtchen dahinter, ungefähr 1/6 Morgen groß. Bis Ende des Jahres 1808 saß das Geschäftsbüro des vormaligen Stadtgerichts darin; weil eine Versteigerung im Sommer 1809 unter der Schätzung blieb, vermietete man es vom 1. Mai 1810 auf drei Jahre an den Forstaufseher Schwarze. Die amtliche unter dem eigentlichen Wert gehaltene Schätzung hatte folgende Ergebnisse geliefert: Die Syndikatswohnung 760 fl., das Nebenhaus mit Stallung, Holzlege, Pumpbrunnen u.a. 150, der massive Stadel, der zugleich einen geräumigen Schafstall in sich schloß. 600 fl., der mit Mauern eingefaßte Gemüsegarten 150 fl.; der gepflasterte Hof 100 fl.; dazu kam der sogenannte Salzstadel (südlich der Schranne, beim Neubau 1863/64 abgebrochen) mit 300 fl . Alles zusammen belief sich nach der sehr mäßigen Schatzung auf 2060 fl.


Die drei Steurer

Die drei Steurer oder Steuerherren, deren Personal einen sehr geringen Wechsel verrät (siehe die Tabelle). Als vierter war ihnen seit alters, dem Einigungsbrief gemäß, der Stadtschreiber beigesellt; nur nach Johann Schlechts Abgang (1530) trat in den Jahren 1530/31 ein Ratsherr für ihn ein (Kaspar Lanzhut). Für ihre Bemühung erhielten die Steuerherrn gewöhnlich ein Geldgeschenk. In der Stadtrechnung von 1531 heißt es z. B.: Donnerstag nach Philippi und Jakobi (4. Mai) hat ein ehrbarer Rat den vier Steuerherren 16 fl. verehrt; ebenso im folgenden Jahre, hier Mittwoch nach Cantate (10. Mai). Die Abrechnungen der Steuerherrn aus jener Zeit zeigen gewöhnlich die Gestalt des sogenannten Spaltzettels, indem ihr unteres Papierende Spitzenwellen- oder bogenförmig in den verschiedensten Variationen und Verbindungen ausgeschnitten erscheint, worein dann das Gegenstück, aus dem es ausgeschnitten wurde, genau passen mußte. In Weißenburg nannte man die ausgeschnittene (1491), dann ausgekerfte oder ausgekerbte Zettel, auch Kerbzettel oder Kerfzettel.

Sie fanden auch für andere doppelt ausgefertigte und gegenseitige Urkunden Anwendung, wie Kauf- und Werkverträge. Die beiden gleichlautenden Dokumente wurden mit einem angemessenen Zwischenraum untereinandergeschrieben und dann in der bezeichneten Weise auseinandergeschnitten.

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